Geschlossene Gesellschaft

(CC-BY) Ludovic Bertron

Von Stevan Ćirković.

In der Antike unterbrach man Kriege, wenn in Olympia die Athleten rangen. Das ist heute leider nicht mehr so – aber immer noch finden sie weltweite Aufmerksamkeit. Millionen Menschen werden vom nächsten Wochenende an wieder von den Fernsehern fiebern, Tausende zieht es ins Stadion. Eigentlich eine tolle Sache. Eigentlich. Denn schon im Vorfeld der Spiele in Sotschi riefen Umweltzerstörung und Ausgrenzung allgemeine Beklemmung hervor.

Queer.de führt seit heute einen Livelog zu den Spielen aus Sicht queerer Menschen.

Leider ist Homophobie in Russland tief in der Gesellschaftstruktur verankert. Bereits seit 1933 trat unter Stalin ein »Schwulenparagraf« in Kraft, der homosexuelle Handlungen unter Männern verbot. Viele Menschen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt oder in psychatrische Anstalten zu »Behandlungen« eingewiesen. Bis zu seiner Aufhebung durch Boris Jelzin 1993 wurde er auch dazu benutzt, um Regimegegner mundtot zu machen.

Inzwischen werden aber wieder ähnliche Gesetze erlassen. Diesmal werden zwar homosexuelle Handlungen nicht verboten, dafür aber »homosexuelle Propaganda gegenüber Minderjährgen«. Damit steht aber jedes Reden über Homosexualität und auch einfaches Hand-in-Hand-Herumlaufen unter Strafe, wenn Kinder oder Jugendliche dies sehen könnten. Auch Aufklärung, z. B. im Unterricht oder in Jugendprojekten wird dadurch ausgeschlossen. Das Thema soll so völlig aus dem öffentlichen Raum herausgehalten werden. Auch die Frage: »Was ist denn das, was die da machen?« ist nicht mehr erlaubt – dies wohl in der kruden Annahme, dass Jugendliche durch Sachkenntnis in irgendeiner Weise zur Homosexualität hingeführt werden könnten.

Eine grausige Wendung bekommt dieses Totschweigen, wenn auch die Gerichte mitspielen: Alleine während der Debatte um das am 11.6.2013 von der Duma erlassene Gesetz wurden 17 Morde aus homophoben Motiven heraus verübt – und nur minimale Strafen verhängt, wenn Homophobie als Motiv angegeben wurde.

Schließlich wird – sicherlich nicht aus Unkenntnis der Sachlage, sondern in voller Absicht – Homosexualität in Gesetzestexten und auch in öffentlchen Äußerungen gern in Verbindung mit Pädophilie gebracht. Aus Putins »Aber lassen sie bitte die Kinder in Ruhe« spricht ein unfassbarer Grad von Menschenverachtung.

Die in diesem Zusammenhang gern gebrauchte Abkürzung »LGBTI«-Personen bezeichnet Menschen mit lesbischer, schwuler (gay), bi-, trans- oder intersexueller Identität. Wir verwenden in diesen Zusammanhang gerne die leichter lesbare und in der LGBTI-Gemeinde mit einem Augenzwinkern wahrgenommene Bezeichnung »Queer«, die sich umgangssprachlich ziemlich gut mit »schräg« übersetzen lässt.

Ganz bewußt hat Hitzlsperger daher sein Outing vor den Olympischen Spielen plaziert, um eine erneute Diskussion über die Homophobie in Russland in Gang zu setzen.

Und genau hier entsteht ein ganz besonderes Problem: Alle Menschen, die von zuhause aus oder vor Ort ihren absolut legitimen Protest zum Ausdruck bringen wollen, müss sich nämlich fragen, ob sie der Queer-Gemeinde in Russland damit nicht einen Bärendienst erweisen. Denn ihr Protest wird von der anti-westlichen Gruppe im Kreml als Zeichen ausländischen Einflusses umgedeutet. Queere Aktivisten rücken dann weiter in den Fokus der zweifelhaften NGO-Gesetzgebung. So kann die sicherlich hilfreiche moralische Unterstützung aus der queeren Weltgemeinde – vor allem vor Ort in Sotschi – sogar eine noch stärkere Marginalisierung in der innenpolitischen Debatte in Russland bewirken.

Eine verfahrene Situation.

Ich würde diesen Beitrag gerne irgendwie positiv und hoffnungsfroh enden lassen. Aber das ist schwer. Mittelfristig könnte man dem Wunsch Moskaus nach größerer sicherheitspolitischer Einbindung in Europa nutzen, um im Gegenzug verbindliche, weiterführende Verbesserungen bei Menschen- und Bürgerrechten zu erhalten. Bis zu diesem »KSZE-Vertrag 2.0« könnte dies aber als unangemessene Einmischung in »innere Angelegenheiten« umgedeutet werden – immer mit dem Verweis auf »russische Werte« . Das würde höchstens das eigene Gewissen beruhigen, aber darum sollte es uns nicht gehen! Deswegen können wir den Betroffenen und den Aktiven vor Ort nur Glück wünschen – und Mut.

Hinweis:

Wenn Du bei diesem Thema mitarbeiten möchtest, kannst Du uns in einer Sitzung der Queeraten besuchen – egal ob Du Pirat bist oder nicht. Die Sitzungen finden an jeden zweiten Dienstag um 20 Uhr im Mumble NRW im Raum Queeraten statt. Bitte informiere Dich auf der Homepage der AG über die Details.


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