Der Tag der Befreiung: Eine Aufforderung, politisch zu sein

(CC-BY-ND) ReneSpitz

Ein Gastbeitrag von Holger Hennig, @Hollarius.

Vor 69 Jahren wurde Deutschland, wurde Europa von der Naziherrschaft endgültig befreit. Ein Datum mit mehr Grund zu feiern, gibt es in der Geschichte kaum. Auch wenn unseren Vorfahren vor 69 Jahren vermutlich nur selten zum Feiern zumute war. Heute sollte dieser Tag ein Feiertag sein, der höchste Feiertag im Lande mit Partys in jeder Fußgängerzone.

Damals wird ein großer Teil der Menschen die Befreiung vom Krieg, das Nachlassen von Gefahr für Leib und Leben, schon irgendwie gefeiert haben. Das wird für viele eine gute Nachricht gewesen sein, aber für noch mehr eine Nachricht des Schreckens, denn jetzt musste man sich mit den Verbrechen beschäftigen, die man begangen hatte, gegen die man nichts getan hatte, mit den Geschichten, die man verdrängt hatte, mit den Schrecken, die man nicht wahrhaben wollte.

Für eine kleine Minderheit ging an diesem 8. Mai eine Sonne mehr auf. Für die Befreiten aus den KZs, für die Menschen im Untergrund, die Versteckten und Flüchtenden, die, die verfolgt worden waren, weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, Kommunisten oder Sozialdemokraten, weil sie im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrheit ihre Religion ernst nahmen, oder weil sie einfach zu viel Freiheitsdrang für eine Diktatur gezeigt hatten. Menschen, die in innerer Emigration eine lange Zeit unglücklich gelebt hatten, konnten wieder zu ihren Meinungen stehen, ihre Musik hören oder zu ihren Göttern beten.

Die schweigende Mehrheit hatte mitgemacht, die Konservativen hatten die Nazis an die Macht gebracht und die Mitte, das Bürgertum hatte genauso politisch versagt wie das Militär und das Geld. Tausende politisch Andersdenkender waren ermordet worden, von den Kommunisten in den Moor-KZs der 30er bis zu den Edelweißpiraten in den Strafkompanien der letzten Kriegsjahre. Die fliehen konnten, waren geflohen, aber wer konnte schon fliehen.

Nach dem 8. Mai 1945 musste die Zivilisation wiederhergestellt werden, man ahndete zumindest die schlimmsten Verbrechen und man einigte sich in den darauffolgenden Jahren auf ein paar Formeln, die für lange Zeit gültig blieben. Darunter »Von deutschem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen.« Durch die Schrecken von zwei Weltkriegen war Deutschland irgendwie pazifistisch geworden, und wenn heute Gauck und Steinmeier an diesem Staatspazifismus immer weiter herumsägen, bis nichts mehr davon übrig bleibt, dann muss das erschrecken.

Aber die Schrecken der heutigen Zeit, die an die damaligen gemahnen, sind Legion. Wir können nicht mehr alles sagen, was wir wollen, denn die Geheimdienste hören uns ab. Und wieder versagt die politische Mitte, die meint, sie hätte ja nichts zu verbergen. Minderheiten müssen in diesem Land wieder Angst haben, denn Verfassungsschutz und Polizei sind auf dem rechten Auge so blind, wie sie es schon in der Weimarer Republik waren. Die Morde des NSU schreien uns das ins Gesicht, und die Tatsache, dass für dessen Morde und deren Vertuschung und Nichtaufklärung niemand politische Verantwortung übernommen hat, zeigt, dass sich daran auch nichts ändern wird. Und montags versammeln sich Hunderte, die wieder von Hochfinanz und Verschwörung faseln und nur durch die Tünche einer Erziehung daran gehindert werden, das Bild der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung wiederzuerwecken. AfD und Teile der CxU schüren nationalistischen und rassistischen Hass, der von den Medien euphemistisch in »Ressentiments« umgestaltet wird.

Sich an Geschichte zu erinnern, und möglichst auch daraus zu lernen, muss zu einer verantwortungsvollen Politik gehören. Und die Geschichtsvergessenen, die seit Jahrzehnten endlich Schlussstriche ziehen wollen, müssen bekämpft werden. Das ist keine politisch akzeptable Haltung. Wir dürfen auch nicht alles einen »Godwin« nennen, was daran erinnert, dass es auch heute noch Nazis gibt – dass es auch heute noch die Konservativen gibt, die damals den Nazis den Steigbügel hielten. Die Geschichte lehrt es uns, wenn wir ihr zuhören, wenn wir es uns nicht einfach machen und lieber Verschwörungstheorien und einfachen Lösungen zu glauben.

Der Tag der Befreiung ist ein ungemein politischer Tag. Ohne ihn gäbe es kein Grundgesetz und nicht die darin hoch angelegte Messlatte der Menschenrechte. Wir werden von Menschen regiert, die reihenweise mit ihren Gesetzen am Verfassungsgericht scheitern, dessen Aufgabe es ist, das Grundgesetz zu schützen. Der Tag der Befreiung ist eine Aufforderung, politisch zu sein, für Menschenrechte zu streiten, gegen Überwachung und Polizeistaat, gegen Faschismus in all seinen Verkleidungen.

Holger Hennig  Der Autor:

Holger Hennig (39)

Theaterpädagoge aus Berg Neustadt

Stellvertretender Pressesprecher NRW

Kontakt: Twitter und Blog

Politische Aktivitäten:

Mitglied im AK Kultur

Kandidat zur Bundestagswahl 2013

 


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