#Leere Versprechungen – Hartz IV und die Folgen – Die Tafeln, welch eine Erfolgsgeschichte, welch ein Segen … oder?

Bild: be-him CC BY NC ND

#Leere Versprechungen – Hartz IV und die Folgen – Teil 6 – Die Tafeln, welch eine Erfolgsgeschichte, welch ein Segen … oder?

Holger HennigDer Autor: Holger Hennig, TheaterPädagoge und Autor, Blogger und Pirat seit 2011. Ehemaliger stellvertretender Pressesprecher NRW, Pressepirat für den oberbergischen Kreis und Dozent der PiKo NRW e.V. Holger twittert unter @hollarius, bloggt auf www.hollarius.de und seine Podcasts sind hier zu finden.

Man kann das so sehen, ich sehe es anders. Über neunhundert Standpunkte hat die Tafel in Deutschland. Gut anderthalb Millionen Menschen in Deutschland sind darauf angewiesen, dass sie Lebensmittelpakete von den Tafeln bekommen, weil sie sich sonst das Essen nicht leisten könnten. Was für ein Armutszeugnis für die Politik, was für ein Skandal, was für eine Absage an den Sozialstaat.

Es gibt zwei Gründe, warum es Tafeln gibt. Weil sich in unserem degenerierten Kapitalismus eingebürgert hat, dass Supermärkte immer viel mehr Waren vorrätig haben, als gekauft werden. Diese Verschwendung wird von den Tafeln ein wenig eingefangen. Der andere Grund? Es gibt eine Menge Menschen, die nicht genug zu essen hätten, wenn sie nicht bei den Tafeln mitversorgt würden. Wie gesagt, das ist peinlich.

Aber das Problem ist ja noch viel tiefergehender. Dass unser Sozialstaat seit der Agenda 2010 völlig verraten und verkauft ist, wissen wir schließlich. Das Problem geht an die Fundamente unserer Demokratie. Die soziale Fürsorge gehört in öffentliche Hand, sie muss kontrolliert werden, denn sie bedeutet auch politische Macht. Natürlich sind die Tafeln für den Staat und die Politik eine praktische Sache. Sie nehmen Verantwortung ab, sie kaschieren die härtesten Hartz-Auswüchse und letztlich halten sie die Armen in diesem Land klein. Die Tafeln sind politisch gewollt. Das sieht man letztlich auch daran, dass die geldwerten Vorteile, die man sich bei der Tafel holt, nicht auf ALG II angerechnet werden – Geburtstagsgeldgeschenke zum Beispiel schon.

Aber um es mal ganz platt zu sagen, die Tafeln machen aus dem Bürger, der Bürgerin, die ein Anrecht auf Sozialleistung haben, Almosenempfänger, die froh und dankbar sein müssen. Leistungen der Tafel sind nicht einklagbar, man hat kein Anrecht, man muss sich so verhalten, wie das gewünscht wird, die Tafel kann Menschen ja auch einfach mal nichts geben. Die Tafeln nehmen damit den Menschen die letzte Würde, nachdem ihnen meistens vorher schon alles genommen wurde – wer mal bei der ARGE vorsprechen durfte, weiß, wovon ich spreche.

Die Tafeln können auch eine Gefahr für die Demokratie werden. Man muss sich ja nur mal umschauen. Klar, es gibt Tafeln in sehr unterschiedlicher Trägerschaft, da ist viel Kirchliches bei, da sind Rotarier und andere wohlhabende und wohltätige Menschen unterwegs. Viele sind daran interessiert, dass die politische Situation so bleibt, wie sie jetzt ist. Da sind auch fundamental-christliche Gruppen bei – zufällig gehört das Haus, in der die Tafel hier vor Ort untergebracht ist, freichristlichen Geschäftsleuten – was passiert denn, wenn die ihre Gehirnwäsche den Armen aufzwängen, die in der Not an ihre Tür klopfen? Was, wenn vor Erhalt der Lebensmitteltüte gebetet werden muss? Was, wenn man den „Kunden“ ans Herz legt, doch bei der nächsten Wahl für Parteien wie die AfD zu stimmen, die ja die Interessen der aufrechten Christen so gut vertreten? Niemand kontrolliert das, was wissen wir, was bei den Tafeln passiert, oder vor allem, was passieren wird?

Ich bin übrigens überzeugt davon, dass die allermeisten, die sich für die Tafeln engagieren, damit keine politischen Agenden verfolgen, sondern einfach nur helfen wollen. Wie könnte man auch etwas dagegen haben?

Aber unser politisches Ziel muss es sein, die Tafeln überflüssig zu machen, in dem wir den Sozialstaat überhaupt wieder ermöglichen. Mit einem menschenwürdigen BGE werden Tafeln ein ganzes Stück ihrer Wichtigkeit verlieren, und sollten es die Supermarktketten mal schaffen, ihre Warenströme besser zu beherrschen, dann verlören die Tafeln auch ihre zweite Begründung.

Der Tag, an dem die Tafeln schließen, weil sie nicht mehr gebraucht werden, wird ein guter Tag sein.


Kommentare

3 Kommentare zu #Leere Versprechungen – Hartz IV und die Folgen – Die Tafeln, welch eine Erfolgsgeschichte, welch ein Segen … oder?

  1. AndRo schrieb am

    Ich stehe auf dem Standpunkt, dass du vermutlich „Über neunhundert Stand_orte_“ meinst. ;-b
    In allem Anderen bin ich gänzlich deiner Meinung!

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