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Kommentar: Urheberrecht und Eigentum

Kaum sind die Piraten voll auf der politischen Bühne aufgeschlagen, donnert das Mediengewitter: Erst die 51 Tatort-Autoren, jetzt eine Publikation des Handelsblattes mit dem vorgeblichen Ziel, Kreative und ihren kulturellen Beitrag zu schützen. Leider ist der Text derart von inhaltlichen Fehlern und falschen Grundannahmen durchsetzt, dass er den Stand der Diskussion um das Urheberrecht um Jahre zurückwirft. Bereits die ersten zwei Sätze enthalten drei Fehler; es gelingt dem Autoren noch nicht einmal, den Namen einer Partei richtig zu schreiben, die in Umfragen bei 12% angesiedelt ist. Ist Recherche heutzutage wirklich so schwierig?

Auf die zahlreichen falschen Grundannahmen will ich nachfolgend eingehen, denn hier gibt es einigen Klärungsbedarf, insbesondere in Bezug auf die Urheber. Bei der inhaltlichen Qualität stellt man sich allerdings die Frage, welchen Zweck eine derartige Publikation verfolgt. Wie netzpolitik.org aus gut unterrichteten Kreisen erfahren haben will, sei dies nur der Anfang einer geplanten und gesteuerten Kampagne. Unabhängig von der Qualität solcher Publikationen sollten wir uns mit deren Inhalt beschäftigen. Schließlich hat sich die Piratenpartei 2006 nicht zuletzt auch deswegen gegründet, um dem fortlaufenden Verfall und Missbrauch des Urheberrechts entgegenzutreten.

Ich selbst bin seit acht Jahren in der Kreativbranche tätig, habe Grafik- und Gamedesign studiert und sowohl innerhalb größerer und kleinerer Kreativbetriebe als auch als freier Autor gearbeitet. Ich habe viele Facetten des Umgangs mit kreativen Leistungen erlebt und genau diese Erfahrungen brachten mich letztlich —“ wie viele andere Musiker, Autoren, Programmierer und Designer —“ zur Piratenpartei. Folgt man den Ausführungen des Handelsblattes, müsste ich verrückt sein, denn angeblich will die Piratenpartei ja das „Recht auf geistiges Eigentum abschaffen“.

Im Normalfall würde ich derartige Parolen einfach unter Uninformiertheit verbuchen und auf das 21 Seiten starke Urheberrechts-Programm der Piratenpartei verweisen, welches in seinem Umfang lediglich die Kurzform darstellt. Dass die Presse ein solch umfangreiches Reformprogramm derart verfälscht und verkürzt, ist allerdings symptomatisch für den Zustand des Journalismus. Er wirft uns Urheber in der Diskussion auf einen Stand zurück, den wir vor fünf Jahren schon für überwunden hielten. Ich fühle mich von dieser Publikation jedoch dazu provoziert, das Bild von Urhebern und Kreativen in der Öffentlichkeit ein wenig gerade zu rücken. Ich befürchte, dass dieser „Qualitätsjournalismus“ die Beziehung zwischen uns Kreativen und unseren Kunden nachhaltig schädigen wird.

Das geistige Eigentum

Der Pathos der aktuellen Medienkampagne lautet: „Die Piratenpartei will das Recht auf geistiges Eigentum abschaffen“ und „sie besitzt eine Kostenlos-Mentalität und zerstört damit Kultur“. Diese Behauptungen sind grotesk und entlarvend zugleich. Sie sind schlicht falsch. Die Piratenpartei kann als politische Partei nur auf den Gesetzgebungsprozess einwirken. Einen Rechtsbegriff „geistiges Eigentum“ gibt es in Deutschland jedoch nicht. Er müsste also zunächst gesetzlich definiert werden, um ihn dann wieder abzuschaffen. „Geistiges Eigentum“ ist damit bestenfalls eine Metapher für kreative Leistungen und Ideen. Warum und wie aber eine Partei jemandem verbieten sollte, Ideen zu haben, erschließt sich nicht.

Dass vor diesem Hintergrund die Kreativen den Begriff des geistigen Eigentums äußerst selten in den Mund nehmen, dürfte nicht weiter verwundern. Man muss uns gar nicht unsere Ideen aus den Köpfen reißen —“ die veröffentlichen wir schon ganz von allein. Was nützen uns die tollsten Ideen und Konzepte, wenn wir sie nicht mit der Öffentlichkeit teilen können? In meiner gesamten Berufslaufbahn habe ich den Begriff „geistiges Eigentum“ stets nur von Managern und Verwertern gehört. Und da liegt auch schon die Diskrepanz: Es geht bei der ganzen Diskussion gar nicht um das Urheberpersönlichkeitsrecht. Es geht um Monetarisierung, um Geschäftsmodelle. Es geht um eine Unterhaltungsindustrie, die zuerst an die Vermarktung denkt und erst in zweiter Linie an kreative Konzepte. Eine Wirtschaft, die kreative Leistungen zur Fließbandarbeit degradiert hat. Eine Wirtschaft, die selbst bei jeder Gelegenheit Funktionierendes kopiert und durch Masse an Innovationsgeist verloren hat.

Ich stelle nicht in Abrede, dass es auch ums Geldverdienen geht. Eine große AAA-Spieleproduktion finanziert sich genauso wenig von allein wie ein Hollywood-Film. Aber dann lasst uns bitte so ehrlich sein und über Geschäftsmodelle debattieren, statt den Schutz von „geistigem Eigentum“ und Kultur vorzuschützen.

Urheber vs. Verwerter

Es geht also eigentlich in der Debatte um die Ausgestaltung von Verwertungsrechten und -modellen. Das Urheberrecht von uns Kreativen wird nur allzu oft vorgeschoben, um Sympathien für sonst unpopuläre Vorschläge zu sammeln. Tatsächlich aber neigen gerade die großen Verleger dazu, das Urheberrecht wenn irgend möglich mit „Buyout-Verträgen“ zu umgehen, um die eigene Gewinnmarge auf Kosten der Kreativen nach oben zu drücken. Ich habe selbst Erfahrungen mit solchen Verträgen gemacht: Man wird als Autor für ein Projekt engagiert und tritt jegliche Rechte örtlich und zeitlich unbegrenzt an den Verwerter ab —“ und zwar nicht nur für das aktuelle Projekt, sondern gleich für alles, was irgendwie noch an Nachfolgeprojekten daraus entstehen könnte. Schreibe ich eine Geschichte, so kann beim Nachfolgetitel ein komplett anderer Autor meine mühsam aufgebaute Fiktion ramponieren, ohne dass ich die Chance hätte zu intervenieren. Und auf eine finanzielle Beteiligung an etwaigen Nachfolgeprojekten brauche ich mir schon gar keine Hoffnung zu machen. Man möge mir also nachsehen, wenn ich auf Publikationen wie die des Handelsblattes allergisch reagiere. Hier gaben sich 47 Manager, acht Politiker und acht Lobbyisten als Urheber aus und zogen sich mit Tricks noch ein paar Alibi-Kreative hinzu, um gegen die Piratenpartei zu wettern. Denn angeblich verfolge diese ja die Abschaffung des Urheberrechts. Liebe Schlipsträger, Verlagsmanager und PR-Leute: Bei der Mühe, die ihr euch gebt, mit eurer Vertragsausgestaltung das Urheberrecht abzuschaffen, braucht ihr erst gar nicht auf andere zu zeigen.

Ein ganz normaler Arbeitstag in der Unterhaltungsindustrie.
Karikatur: CC-BY JollyPiik

Darüber hinaus stört mich die kognitive Dissonanz seitens der Verleger: Einerseits werden Tauschbörsen und Filehoster im Internet zu einer Bedrohung der Kultur hochstilisiert, ihre Benutzung gar zum Diebstahl umgedeutet. Andererseits laden aber dieselben Verlage massenweise unsere Inhalte auf eben jene Plattformen hoch, die sie als illegal ansehen. 20th Century Fox, Warner Bros., EMI —¦ die Liste zieht sich quer durch die Medienlandschaft. Warner Bros. fragte sogar bei der kürzlich geschlossenen Site Megaupload.com an, ob sie nicht ein RSS-Interface bekommen könnten, um ihr gesamtes Repertoire in einem Schub hochzuladen. Große Filmstudios und Spielepublisher finanzieren diese Plattformen dazu via Online-Werbung und bei Viacom hat es so groteske Züge angenommen, dass der Büronachbar die Inhalte aus dem Netz löscht, die sein Kollege aus dem Marketing eben erst hochgeladen hat, um virale Verbreitungseffekte zu erzielen.

Urheber vs. Verbraucher

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin nicht sauer, dass die Verlage diese Kanäle auf diese Weise nutzen. Es gibt schon seit 2002 fortlaufend Studien von Universitäten und sogar der Unterhaltungsindustrie selbst zu dem Thema, und bisher hat jede davon belegt, dass Nutzer von Tauschbörsen gleichzeitig die am stärksten zahlenden Kunden im digitalen Markt sind. Der frühere EMI-Manager Douglas C. Merrill gab bereits letztes Jahr zu verstehen, dass das Phänomen Filesharing Musikern eher nützt als schadet, und stützte sich dabei auf eigene Untersuchungen des Unterhaltungsriesen.

Wenn dies die Realität der digitalen Welt ist, dann wären Verlage dumm, nicht selber Filesharing zu nutzen, zumal dieser Marketing-Kanal nicht wie andere Werbemaßnahmen erhebliche Mengen an Budget verschlingt. Erst kürzlich haben sich über 5.000 vorwiegend musikalische Künstler für eine Promotion bei der berühmt-berüchtigten Torrent-Site “The Pirate Bay— beworben. Dafür, dass die Legalisierung von Filesharing den Tod der Musik bedeuten soll, sind das verdammt viele Künstler.

Nein, ich bin nicht sauer auf die Verlage, weil sie selber Filesharing betreiben. Ich bin sauer, weil sie dies als kostenlosen Marketing-Kanal nutzen und im gleichen Zuge eine parasitäre Abmahn-Industrie durchfüttern. Ich bin sauer, weil sie trotz alledem Kulturliebhaber mit DRM, Kopierschutzsystemen und Spionageprogrammen drangsalieren und ihnen Vertriebsmethoden zumuten, die den direkten Kontakt zu uns Kreativen erschweren. Damit sorgen die großen Verleger dafür, dass die kostenlosen Angebote auf Tauschbörsen attraktiver werden als jene, mit denen die Verlage und damit auch die Kreativen effektiv ihr Geld verdienen —“ und beklagen dann, dass das Internet zu einer „Kostenloskultur“ geführt habe. Aber es sind Betonköpfe großer Medienunternehmen, die den Nutzern eine solche Kostenlosmentalität geradezu antrainieren —“ und das scheint ihnen nicht einmal bewusst zu sein. Klingt komisch? Lassen Sie mich einen Vergleich zur so genannten „realen“ Welt wagen, um die Sache zu veranschaulichen:

Sie kaufen ein Auto. Der Hersteller des Autos lässt Sie beim Kauf einen Vertrag unterzeichnen, der Sie dazu verpflichtet, mit ihrem Auto nur in Deutschland zu fahren. Das Auto könnte technisch gesehen zwar überall hinfahren, doch der Hersteller möchte Ihnen viel lieber für jedes EU-Land ein technisch identisches, aber eben zusätzlich zu bezahlendes Auto verkaufen. Damit Sie nicht doch ins Ausland fahren, baut der Hersteller einen GPS-Chip ein, der beim Überschreiten der Landesgrenze automatisch den Motor lahmlegt. Auch innerhalb von Deutschland hört das Auto sofort auf zu fahren, wenn die Verbindung unterbrochen ist. Irgendwann kommt der Hersteller auf die Idee, dass Sie eigentlich gar keine Rückbank benötigen, und baut diese bei der nächsten Inspektion aus. Sie haben keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Da Sie nun aber eine Familie haben und eine Rückbank brauchen, wollen Sie Ihr Auto verkaufen. Das geht aber nicht, weil Sie sich vertraglich verpflichtet haben, das Auto nicht gebraucht weiterzuverkaufen. Irgendwann geht der Automobilhersteller pleite, wodurch Ihr Auto irreparabel deaktiviert wird und nie wieder fahren kann.

Klingt grotesk? So sieht die digitale Realität für jeden aus, der heutzutage einen Film, ein Spiel oder ein eBook kauft. Viele Verbraucher lassen sich das nur gefallen, weil sie die Kreativen unterstützen wollen, aber ebenso häufig fallen inzwischen Begriffe wie „Contentmafia“ oder „Content-Faschismus“. Ein weiterer Grund dafür ist, dass sich Inhalteanbieter in die Gesetzgebung einmischen und z. B. via ACTA oder Vorratsdatenspeicherung das Ende jeglicher Privatsphäre zum Schutz ihrer Geschäftsmodelle fordern. Wenn eine Drangsalierung der Nutzer in derartigen Anfeindungen endet, dann sind am Ende die Urheber die Leidtragenden.

Wir ziehen mit diesen Methoden eine Generation junger Menschen heran, welche die Unterhaltungsindustrie als einen Feind wahrnimmt, den sie irgendwann nur noch bekämpfen möchte. Als Kulturschaffende werden wir dann keine Chance mehr haben, noch irgendeinen Wert von Kunst und Kultur in der Gesellschaft vermitteln zu können. Ich will es nicht so weit kommen lassen, denn Kultur ist unser zivilisatorisches Fundament. Deswegen will ich einen direkten Diskurs zwischen Urhebern und Verbrauchern, den die etablierte Politik nicht liefert. Kulturstaatsminister Neumann schmückt sich als „Anwalt der Kreativen“, auf seinen Kongressen findet man statt Urhebern und Verbrauchern jedoch lediglich Lobby-Verbände der Verleger.

Einen ernsthaften Diskurs mit Respekt vor Urhebern und Verbrauchern gleichermaßen habe ich das erste Mal bei den Piraten gefunden, wo ich mich nun zusammen mit vielen anderen Urhebern aus Literatur, Musik, Film, Spiel und Wissenschaft engagiere.

Sebastian Kreutz, Urheber und deshalb Pirat
Unterstützt durch:

  • Daniel Neumann, Urheber, Musiker und Webdesigner; Verfasser des Urheberrechtsprogramms der Piratenpartei Deutschland
  • Dr. J. Martin, freier Schreiber und Dozent; Media Representative FDA NRW (Schutzverband Deutscher Schriftsteller e.V.)
  • Jessica Karger, Game Design Studentin und Illustratorin

Dieser Artikel erschien vorab auf ruhrbarone.de
Text: CC-BY Sebastian Kreutz
Karikatur: CC-BY JollyPiik