Die Schuleingangsphase in Nordrhein-Westfalen steht im Jahr 2026 vor einem entscheidenden Wendepunkt. Mit der Einführung der sogenannten ABC‑Klassen verfolgt das Kultusministerium das Ziel, Sprachdefizite bereits vor dem Schulstart systematisch zu beheben. Grundsätzlich unterstützen wir Piraten NRW alle Maßnahmen, die Bildungsgerechtigkeit fördern und Kindern echte Chancen eröffnen. Doch das gewählte Instrument ist weder inklusiv noch zukunftsfähig.
Während das Land eine neue Förderstruktur aufbaut, befindet sich das Bildungssystem seit Jahren im Ausnahmezustand: Der Fachkräftemangel an Schulen hat historische Ausmaße erreicht, Kitas kämpfen mit Notverordnungen und minimaler Personalausstattung und vielerorts wird der Bildungsauftrag nur noch unter schwierigsten Bedingungen erfüllt. In dieser Situation werden durch die verpflichtenden ABC‑Klassen neue Strukturen geschaffen, ohne die bestehenden zu stabilisieren. Das führt zu Überforderung, Doppelbelastung und letztlich zu einer weiteren Zerlegung des Systems, wie es ja auch die GEW NRW kritiserte.
Die ABC‑Klassen trennen Kinder mit diagnostiziertem „Sprachförderbedarf“ für mehrere Stunden pro Woche von ihrer gewohnten Umgebung und verlagern den Förderauftrag in ein schulisches Setting. Dieser Ansatz widerspricht dem Prinzip der inklusiven Bildung, den wir PIRATEN fordern. Sprache entsteht durch ganzheitliche Teilhabe an sozialen und emotional bedeutsamen Situationen, nicht durch punktuellen Unterricht in isolierten Lerngruppen. Wir kritisieren besonders, dass Kinder, die ohnehin vor größeren Herausforderungen stehen, in eine zusätzliche Förderstruktur ausgegliedert werden. Das Risiko der Stigmatisierung ist erheblich: Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund oder aus sozial herausfordernden Lebenslagen könnten dauerhaft als „förderbedürftig“ markiert werden. Das unterläuft den Anspruch, allen Kindern gleiche Chancen zu bieten.
Auch die pädagogische Wirksamkeit ist zweifelhaft. Vier Stunden Förderung pro Woche ersetzen keine kontinuierliche Sprachbildung im Alltag. Statt Inklusion zu stärken, erzeugt das Modell doppelte Zuständigkeiten und Brüche in der Bildungsbiografie. Die Verlagerung der Verantwortung von Kitas auf Grundschulen ist ein Indikator dafür, dass die strukturellen Probleme im Elementarbereich nicht gelöst, sondern lediglich verschoben werden, wie es ja auch Dr. Seyran Bostanci schon zur „Klasse 0“-Debatte angemerkt hat.
Hinzu kommen die Folgen der COVID‑19‑Durchseuchung der Kinder und die Folgen von Covid in der Schwangerschaft. Viele Kinder leiden unter den neurobiologischen Langzeitwirkungen, die sich in Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten, Lernhemmnissen und ähnlichen Entwicklungsverzögerungen äußern. Eine Reform, die auf zusätzliche Unterrichtsstunden setzt, ignoriert diese veränderten Voraussetzungen. Kinder mit diesen Einschränkungen brauchen nicht mehr Leistungsdruck oder Versagensängste und können nicht wie Maschinen funktionieren. Sie benötigen inklusive Lernumgebungen, Pausen und Erholung, die flexible Formen des Spracherwerbs zulassen.
Auch die Voraussetzungen für eine gelingende Umsetzung fehlen. Der Lehrpersonalmangel im Primarbereich (Grundschule) liegt bei mehreren Tausend unbesetzten Stellen und ebenso sieht es im Elementarbereich (Kita) aus. Gleichzeitig sollen neue Förderkurse aufgebaut werden, die weiteres Personal binden. Wir sehen darin eine strukturelle Fehlsteuerung. Bildungspolitik darf nicht an Symptomen ansetzen, sondern muss die Basis stärken, auf der erfolgreiche Förderung überhaupt möglich wird.
Statt neue Sonderstrukturen zu schaffen, braucht Nordrhein‑Westfalen mutige und langfristig tragfähige Lösungen, von Ausgrenzung hin zu Integration und Inklusion:
1. Eine sechsjährige gemeinsame Grundschule
Wir fordern eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre nach dem Vorbild von Japan. Längeres gemeinsames Lernen reduziert den Selektionsdruck, fördert die soziale Integration und bietet Raum für individuelle Sprach‑ und Persönlichkeitsentwicklung. Untersuchungen führender Bildungsinstitute zeigen, dass spätere Schulaufteilungen Chancengleichheit deutlich verbessern. Eine solche Reform erfordert Investitionen in Infrastruktur und Personal, doch sie würde den Weg in ein gerechteres Bildungssystem ebnen. Statt vorzeitiger Trennung entsteht ein inklusiver Lernraum, in dem Kinder von der Vielfalt an Individuuen profitieren.
2. Multiprofessionelle Teams als Standard
Die Schule der Zukunft ist multiprofessionell. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Grundschulen dauerhaft durch Teams aus Lehrenden, Sozialpädagog:innen, Heilpädagog:innen, Erzieher:innen und Schulsozialarbeit:innen ergänzt werden. Sprachförderung, psychosoziale Unterstützung und Diagnostik müssen ineinandergreifen und zwar im Alltag, nicht daneben.
Eine echte Gleichstellung dieser Berufe ist unabdingbar: gleiche Verantwortung, angemessene Vergütung und volle Integration in die Schulentwicklung. Nur so wird Inklusion zu einer kollektiven Aufgabe und nicht zu einem administrativen Zusatzprogramm.
3. Flexible Zeitmodelle und neue Lernkulturen
Wir befürworten eine Anpassung der wöchentlichen Schulstruktur an gesundheitliche und gesellschaftliche Realitäten. Eine viertägige Kernunterrichtswoche mit einem zusätzlichen Projekt‑ oder Naturtag würde sowohl Lehrende als auch Lernende entlasten. Erfahrungen aus Skandinavien zeigen, dass entspannte Lernrhythmen Selbstständigkeit, Kreativität und Sprachentwicklung fördern.
Solche Reformen sind nicht Ausdruck von Bequemlichkeit, sondern von Bewusstsein: Kinder wachsen heute in komplexen, belastenden Verhältnissen auf – das Bildungssystem muss darauf reagieren, nicht sie an überholte Strukturen anpassen. Wir müssen als Gesellschaft dafür sorgen, dass die Kinder auch in die Kitas kommen. Es gibt immer noch patriarchalische Familienstrukturen, die das nicht wollen. Ebenso braucht es eine neue Notfalllösung, da sonst viele Kitas nur Aufbewahrungs-, statt Bildungstätten sind. 60 Kinder auf 1 Erziehenden ist keine Lernumgebung. Diese können in unseren Augen z.B. durch den Ausbau des Distanzunterrichts durch eine Bildungspflicht realisiert werden und Sorgeberechtigte (z.B. Eltern) mehr Unterstützung durch Fortbildung und berufliche Vereinbarkeit bekommen.
4. Gemeinsames Lernen und Spielplätze zum Spracherwerb
Wir fordern Co-Education-Spaces und inklusive Spielplätze als natürliche Sprachförderung. Kinder lernen sprechen, indem sie auf barrierefreien Spielplätzen verhandeln, Naturparcours erkunden und in offenen Räumen mit verschiedenen Altersgruppen kooperieren. Solche authentischen Interaktionen ersetzen segregierte ABC-Klassen effektiver als isolierter Unterricht und entlasten gleichzeitig überlastete Kitas und entzerren verknappte Wohnraumsituationen, welche durch Segregation und Gentrifizierung (z.B. soziale herausfordernde Stadteile) immer mehr stattfinden.
Unsere inklusive und zukunftsfähige Vision für NRW
Wir sehen in der Einführung der ABC‑Klassen eine symptomatische Reaktion auf reale Probleme. Sprachdefizite, Fachpersonalmangel, soziale Ungleichheit. Doch der eingeschlagene Weg führt in die falsche Richtung. Statt Inklusion voranzutreiben, entstehen neue Grenzen zwischen Kindern, Sorgeberechtigten (z.B. Eltern), Einrichtungen und Professionen.
Echte Bildungsgerechtigkeit entsteht nur dort, wo Lernräume offen, mehrsprachig, multiprofessionell und stressarm gestaltet sind. Nordrhein‑Westfalen hat die Chance, bundesweit Vorreiter einer solchen Reform zu werden – wenn der Mut und Wille besteht, von kurzfristigen Scheinlösungen abzurücken und strukturell zu denken.
Daher fordern wir eine konsequente Neuausrichtung der Schuleingangsphase. Eine inklusive Grundschule für alle Kinder, getragen von multiprofessionellen Teams, gestützt durch wissenschaftliche Evidenz (z.B. Lernleistungssteigerung durch saubere Luft) und belebt durch lebenslange Lernfreude. Nur so erfüllt sich der Anspruch des Schulkompass NRW 2030, Bildungserfolg wirklich für alle erfahrbar zu machen.
[Dieser Artikel ist KI-Lektoriert]


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