Armut, ein Grundpfeiler des Aufschwungs?

Neuland CC-BY Tobias M. Eckrich

Düsseldorf, 31.07.2013

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist gegenwärtig ein Viertel aller Arbeitnehmer (7 Millionen) in Deutschland im Niedriglohnsektor tätig.

80 Prozent dieser Menschen haben sich bei ihrer Lebensplanung auf eine Berufsausbildung gestützt. Doch danach bot sich vielen nur eine Tätigkeit an, die sich heute als Einbahnstraße in die dauerhafte Armut erweist.

Die Versprechungen aus der Vergangenheit, dass mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung alle Wege offen stünden, sind inzwischen leere Worte. Stattdessen hat sich aufgrund der sozialfeindlichen Gesetzgebung der letzten 20 Jahre eine Verschiebung ergeben, sodass immer häufiger Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor tätig sein müssen.

Wie einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit zu entnehmen ist, hat sich die Zahl der Vollzeitbeschäftigten von 29,4 Millionen (1991) auf 24 Millionen (2011) reduziert [2], wobei die Gesamtzahl der Beschäftigungsverhältnisse im gleichen Zeitraum um 3 Millionen zugenommen hat. Gleichzeitig stieg die Zahl der Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse –wozu auch die prekären Arbeitsverträge gehören– von 5,8 Millionen (1991) auf 12,6 Millionen (2011) an.

Interessanterweise lässt sich anhand der Zahlen klar erkennen, dass die Zunahme bei den Beschäftigten zum Teil dadurch zustande gekommen ist, dass Vollzeitbeschäftigte durch Teilzeit- und prekär Beschäftigte ersetzt wurden. Aus dem IAB-Report lässt sich schließen, dass dadurch überwiegend Teilzeitbeschäftigte und insbesonders weibliche Arbeitnehmer betroffen sind.

Es stellt sich daher die Frage, ob bei der Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung eine Zunahme der Stellen im Niedriglohnsektor nicht zumindest billigend in Kauf genommen wurde. Diese Zahlen belegen eindeutig, dass die Arbeitsmarktstatistik mittlerweile den Bezug zur Lebenswirklichkeit der Arbeitnehmer völlig verloren hat und nur noch dazu dient, sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt je nach parteipolitischer Färbung passend zurechtzuschneidern.

Die PIRATEN fordern deswegen

eine ehrliche und transparente Arbeitsmarktstatistik,

eine Reduzierung der Leiharbeit sowie die Gleichbehandlung aller Beschäftigten in einem Betrieb,

kurzfristig einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 9,02 Euro (bzw. 9,77 Euro für befristet Beschäftigte) und

langfristig die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE).

 


Kommentare

6 Kommentare zu Armut, ein Grundpfeiler des Aufschwungs?

  1. K. West schrieb am

    Armut ist ein Thema – in Deutschland, einem hochtechnologischen Staat ohne Vorbildfunktion !

    Während die Zahl der Angestellten in Vollzeit von 1991 bis 2011 um ca. 18% abnahm, stark die Anzahl der Teilzeitstellen (TZ) enorm an.
    Zu den TZ-Jobs zählen auch solche, die sich „Minijobs auf 400 / 450 € – Basis“ bezeichnen. Allein in 2011 sollen 40% aller Teilzeitstellen solche „Geringfügigen Beschäftigungen“ sein (vgl. DGB-Info „Licht und Schatten“). Die Zahl der bezahlten Stunden sank zudem auch, die Zahl der „freiwilligen“ Überstunden stieg stark an.

    Schockierend ist vorwiegend, welche Vorbildfunktion der öffentliche Dienst hat und wie das Verhältnis bzw. die Einstellung zur Befristung aussieht – eine „prekäre Beschäftigung“: http://www.sueddeutsche.de/politik/prekaere-beschaeftigung-regierung-stellt-drei-viertel-der-berufseinsteiger-nur-befristet-an-1.1734955

    Deswegen spricht man heute auch von der sog. „Generation Zeitvertrag“: http://www.wz-newsline.de/home/ratgeber/beruf-bildung/generation-zeitvertrag-der-muehsame-weg-der-berufseinsteiger-1.1339036 Sie schuften, sie rackern, bis sie wieder weg sind – immer auf Absprung . Dies ist schlecht für die Psyche und das Arbeitsklima – auch unter Kolleginnen und Kollegen. Als Beispiel ist auch die Befristung bzw. Arbeitslosigkeit von Lehrern im Sommer zu erwähnen. Jeden Sommer müssen diese Lehrer sich einen neuen Job suchen. Die Schüler starten teils im neuen Schuljahr, weil sich dann keine geeignete Kandidaten so schnell gefunden haben.

    Vorreiter sind übrigens Baden-Württemberg und Nordrheinwestfalen !!!!!!.

    Es ist durchaus üblich, dass öffentliche Stellen so ausgeschrieben werden, dass besser geeignete oder bereits eingearbeitete Kandidaten den Job oder das Bundesland wechseln müssen. So habe ich vor einigen Tagen eine Stelle beim Land NRW gesehen, dass ausdrücklich keine Bewerber wünscht, die in den letzten drei Jahren beim Land NRW gearbeitet haben.

    Warum? Wären diese nicht sogar besser geeignetere Kandidaten, weil sie Vorkenntnisse besitzen?

    Nur so ist es möglich, eine Mehrfachbefristung – direkt beim Start mit Wiederverlängerungs-Option geplant – mit Neueinsteigern zu ermöglichen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten!!! Nur so ist zudem eine niedrigere Einstufung ( niedrigeres Gehalt) zu erzielen!

    Bedauerlicherweise musste eine Person sogar klagen, weil sie beim Amtsgericht Köln in mehr als 11 Jahren nur als Vertretung mit 13 befristeten Verträgen beschäftigt wurde: http://www.wz-newsline.de/home/ratgeber/beruf-bildung/wann-befristete-arbeitsvertraege-unwirksam-sind-1.1045533

    Wen wundert es da, dass…
    3 Mio. Kinder keinen Urlaub machen können: http://www.wz-newsline.de/home/politik/inland/drei-millionen-deutsche-kinder-machen-keinen-urlaub-1.1372048
    jeder 7. in NRW in Armut lebt: http://www.wz-newsline.de/home/politik/nrw/jeder-siebte-in-nrw-lebt-in-armut-1.1091539

    Hinzu kommt bei befristeten Verträgen, dass Tarifvertrag vor Gesetz gilt: http://www.wz-newsline.de/home/panorama/bei-befristeten-arbeitsvertraegen-geht-tarifvertrag-vor-gesetz-1.1073658

    Dieses Urteil vom 17.07.2013 zum Thema Befristung wird vermutlich den öffentlichen Dienst bezüglich der sog. „Kettenbefristungen“ weiter unter Druck setzen: http://www.wz-newsline.de/home/ratgeber/beruf-bildung/wann-befristete-arbeitsvertraege-unwirksam-sind-1.1045533

    Es ist jedoch wieder einmal so, dass nicht die Politik – weder auf Bundesebene noch auf Landesebene – die Politischen Rahmen für den Arbeitsmarkt schafft, damit sich „Arbeit und Engagement wieder lohnt“, sondern Gerichte immer wieder justieren müssen. Es muss Schluss sein mit der Heuchelei, nicht nur bei den aktuellen Abhör- und Datenskandalen, sondern auch beim Arbeitsmarkt.

    Und wer sucht sich als Vorbild – vergleichbar wie mit „legalen Steuerumgehungs-Unternehmen“ oder „illegalen Rasterfahndungen“ – erneut Auswege zur Umgehung bestehenden Gesetze zu schaffen:

    Der öffentliche Dienst, liebe Politiker und Politiker !
    Welch‘ Signale an die freie Wirtschaft: Willkommen im Billiglohnland – Gesetze sind uns egal!

  2. gee schrieb am

    Was mir in diesen Statistiken immer fehlt, ist die Differenzierung der Teilzeitbeschäftigten nach freiwillig und unfreiwillig teilzeitbeschäftigt. Wenn in einer Familie / Partnerschaft das Einkommen des einen so hoch ist, dass derdie andere sich eine reduzierte Stundenzahl leisten kann, ist das ein Privileg und kein Zeichen für Armut. Übrigens auch ziemlich sexistisch in der Ausprägung: meist sind es in dieser Konstellation die Männer, die den Vollzeitjob machen müssen, weil Frauen aufgrund der bekannten Rollenbilder leichter an Teilzeitstellen kommen. Man sollte auch mal erheben, wie viele Männer gerne teilzeit arbeiten würden, das aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht können (z.B. weil die Frau nicht arbeitet) oder der Arbeitgeber es schlicht verweigert.

  3. gee schrieb am

    p.s.: es wurde über die letzten 10 Jahre immer wieder gefordert, dass den Menschen häufiger Teilzeitarbeit ermöglicht werden soll, auch die rechtlichen Ansprüche darauf wurden ausgeweitet. Wen wundert es denn da noch, dass es jetzt mehr Teilzeit- und weniger Vollzeitbeschäftigte gibt?! Ich würde sagen wir sind dem Ziel etwas näher gekommen.

  4. K.West schrieb am

    Wäre sehr wünschenswert diese Statistik aufzugliedern nach (un-)freiwillig, aber nur mit Umfragen möglich. Bedauerlicherweise kenne ich zahlreiche Leute, die solche Jobs annehmen, jedoch nicht, weil sie es nur so möchten oder liebend gerne hätten, sondern weil sie es anders nicht erhalten. Es sind oftmals die Stellen, die keiner will. Ob der Trend wirklich zu „freiwillig Teilzeit“, sprich weniger Arbeiten und Verdienen geht, würde mich jedoch auch einmal interessieren.

    P.S.: Ein weiteres heißes Wahlkampfthema wird nun doch wieder die Gerechtigkeit um Steuern, Steuerbetrug und womöglich Steuerabkommen sein: http://www.handelsblatt.com/sport/fussball/nachrichten/medienbericht-hoeness-soll-350-millionen-euro-in-der-schweiz-versteckt-haben/8607120.html

    Damit dürfte auch neben den Kernthemen der Piraten weitere Themen gefunden werden, die u.a. auch via Piraten-Taxi gesammelt werden: http://www.piratenpartei.de/2013/08/06/das-piratetaxi-und-ulrike-pohl

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