#Leere Versprechungen – Hartz IV und die Folgen – Erlebnisse einer Betroffenen

Bild: be-him CC BY NC ND

#Leere Versprechungen – Hartz IV und die Folgen – Teil 4 – Erlebnisse einer Betroffenen

PIRATEN-NRW-MAJA-TIEGS-FOTO-KOMPASS-be-him-CC-BY-NC-ND-IMG_8326-BLOGDie Autorin: Maja Tiegs ist 29 Jahre alt, ausgebildete Kauffrau im Groß- und Außenhandel und stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei NRW.
Als ich meinen ersten Antrag auf ALG II ausfüllte, habe ich über den Formularen gesessen und geweint.
Ich war damals 20, wohnte noch bei meinen Eltern und ging noch aufs Gymnasium. Aber da mein Vater arbeitslos geworden und ich über 18 war, musste ich meinen eigenen Antrag ausfüllen, auch wenn ich gar nicht ‚arbeitssuchend‘ war.

Und das Amt wollte alles von mir wissen. Über meine persönlichen Verhältnisse. Über meinen ganzen Besitz. Sie wollten über jeden Cent, den ich besaß, Bescheid wissen. Sogar über mein Sparbuch, auf dem noch ganze 6 € waren.

Ich habe das damals als unglaublich demütigend empfunden.

„Du hast kein Recht auf Privatsphäre mehr, weil du auf die finanzielle HIlfe des Staates angewiesen bist.“

Und diese Demütigung ist nur der Einstieg in ein krankes System.
Wer schon einmal in der misslichen Lage war auf ALG II angewiesen zu sein, der wird mir sicher zustimmen: Niemand ist gerne ‚Hartz-IV-ler‘.

Allein der Begriff Hartz IV kommt heute einer Beleidigung gleich, weswegen ich ihn vermeide und das neutralere ‚Arbeitslosengeld II‘ benutze. Auch wenn dieser Begriff eigentlich auch nicht stimmt, denn lange nicht alle ALG II – Empfänger sind tatsächlich ohne Arbeit.
Wenn man als Leistungsempfänger auf dem Amt sitzt und wartet, dann kann man direkt sehen: Niemand von den anderen Wartenden ist gerne da. Und kaum jemand entspricht dem Bild, was man von manchen Qualitätsmedien verkauft kriegt.

Man trifft dort die allein erziehende Mutter, man trifft den Mann mittleren Alters, der seinen Job verloren hat und keinen neuen findet, man trifft die auf den ersten Blick elegant gekleidete ältere Dame.

Und es ist allen eines gemeinsam: Sie schämen sich. Sie gucken dir nicht in die Augen, wenn sie sich ebenfalls zum Warten hinsetzen. Sie schauen nicht auf, wenn du dazu kommst. Ihnen ist es peinlich, dass du sie dort siehst. Auch wenn du einer von ihnen bist.
Politik und Medien, aber letztendlich auch die Gesellschaft haben es zu einer Schande und zu einem Stigma gemacht, auf die Hilfe des Staates angewiesen zu sein.

Wer keinen Arbeitsplatz hat, der bezahlt wird, arbeitet nicht. Der bringt der Gesellschaft keinen Nutzen und gilt als Drückeberger. Dabei ist es ja nicht so, dass jeder Empfänger von Transferleistungen keiner Arbeit nachgeht. Viele Menschen pflegen Angehörige, erziehen Kinder oder engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen und Organisationen.

10 Jahre gibt es Hartz IV nun. 10 Jahre, in denen Menschen stigmatisiert werden, 10 Jahre, in denen Menschen ihre Privatsphäre aufgeben müssen, weil sie nicht die Erwartungen der Gesellschaft erfüllen, die voraussetzt, dass man eine bezahlte Arbeitsstelle hat.

10 Jahre eines kranken Systems, das wir ändern müssen!


Kommentare

4 Kommentare zu #Leere Versprechungen – Hartz IV und die Folgen – Erlebnisse einer Betroffenen

  1. Berthold schrieb am

    Man muss schon sagen, dass dieser Erfahrungsbericht wirklich erschreckend ist! Eine 20jähige Gymnasiastin die nicht einmal von Hartz IV gelebt hat. Vielleicht solltet ihr euch ernst zu nehmende Blogger suchen. Ich habe übrigens 2 Jahre von Hartz IV gelebt und musste auch alles offen legen! Geweint oder geschämt habe ich mich nicht. Es war teilweise demütigend, keine Frage. Aber dieser Beitrag ist ein Witz!

  2. Felix Coeln schrieb am

    Deswegen rede ich auch immer von Leistungsberechtigten und nicht von Leistungs“empfängern“. Alleine dieses Wording (ein Vorschlag von Inge Hannemann) macht einen enormen Unterschied. Entweder wir halten uns an das Grundgesetz und dort ist von Sozialstaat die Rede – oder man macht eben mit bei der menschenverachtenden Diskriminierung. Die Wortwahl gibt darüber Aufschluss (wenn aber Menschen, die selbst betroffen sind, diese menschenverachtende Wortwahl nutzen, muss man von erfolgreich erfolgter öffentlicher Meinungsmache ausgehen).

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